Baselitz: In der Tradition des Isenheimer Altars

Bild von Georg Baselitz mit dem Titel "Ach herrje, ma tutto occupato"

Hier kommt ein weiterer Sommer-Kunst-Ausflugstipp. Zugegeben, das klingt erstmal nicht so richtig nach sommerlicher Leichtigkeit. Denn es geht um eine Ausstellung von Georg Baselitz. Ja, der Künstler, der gerade ziemliche Kritik einstecken musste für sein dunkles Bühnenbild zu Richard Wagners „Parsifal“ bei den Münchner Opernfestspielen. Eine „düstere, todessüchtige“ Atmosphäre schuf er dort, hieß es. Will man sich so etwas im Urlaub ansehen? Aber derzeit trifft man Baselitz auch an einem heiteren Ort: Im Musée Unterlinden in Colmar im Elsass.  Mittelalter und Moderne gehen dort gerade eine besonders reizvolle Symbiose ein: Der spätmittelalterliche  Isenheimer Altar  und Baselitz´ Malerei – Klostergemäuer und die moderne Architektur von Herzog & de Meuron. Ich war bei der Eröffnung der Schau „Corpus Baselitz“ und finde, ein Besuch lohnt sich. Und übrigens: Das Essen im museumseigenen Café Schongauer trägt zum Genuss bei.

 

Zugegeben: Baselitz-Ausstellungen gab es in diesem Jahr ja schon einige: Etwa in der Fondation Beyeler, im Dresdner Kupferstich-Kabinett, oder in der Münchner Pinakothek der Moderne. Der Grund: Georg Baselitz wurde am 23. Januar 80 Jahre alt. Das Musée Unterlinden in Colmar – bekannt wegen des berühmten Isenheimer Altars – reiht sich nun mit seiner Baselitz-Schau relativ spät in den Geburtstags-Reigen ein. Deshalb war das Thema in den Medien schon ziemlich abgefrühstückt. Heißt: Es wurde nur wenig über die Schau berichtet. Schade, finde ich.

Georg Baselitz im Musée Unterlinden

Georg Baselitz im Musée Unterlinden

Baselitz‘ neuen Bildern

Denn die Ausstellung „Corpus Baselitz“ gewährt bis zum 29. Oktober einen besonders persönlichen Einblick in die Baselitz’sche Künstlerseele. Die Geburtstags-Ausstellungen in München, Dresden, in der Schweiz oder New York gaben einen Überblick über sein Schaffen. Die Colmarer Schau hingegen konzentriert sich auf Arbeiten aus den vergangenen vier Jahren, die bislang noch nirgends zu sehen waren. Das Thema: Der Prozess des Alterns.

Gnadenloser Blick

Baselitz malt seit einigen Jahren nur noch sich selbst und seine Frau, erzählte er mir in Colmar.

„Ich mache eigentlich nichts anderes mehr als diese zwei zu malen in irgendeiner Weise. Das ist eine ziemlich hermetisch abgeschlossene Welt. Und das finde ich gut.“

(Georg Baselitz)

Und es ist ein ziemlich gnadenloser Blick, den er auf die nackten Gliedmaßen wirft: Welke Haut, schlaffe Muskulatur und verdickte Gelenke. Schonungslos erforscht er in 70 Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen die Vergänglichkeit der Körper. Auslöser des Nachdenkens über die Endlichkeit war wohl unter anderem ein Krankenhaus-Aufenthalt 2015. Immer wieder malte Baselitz seinen Körper auch hilflos im Krankenbett. Das hört sich morbide an. Na gut, Baselitz war nie ein Maler der Leichtigkeit. Aber die Bilder, die in dem lichtdurchfluteten neuen Anbau von Herzog & de Meuron hängen, wirkten auf mich gar nicht so negativ.  Zwar startet die Ausstellung mit sehr dunklen Bildern. Aber je weiter man kommt, desto lichter wird es.

Nichtsdestotrotz ist schon klar, dass der 80jährige Maler sich derzeit mit der Endlichkeit des Lebens auseinandersetzt. In diesem Alter ist das ja auch kein Wunder. Begonnen habe diese intensive Phase der Auseinandersetzung mit der eigenen Gebrechlichkeit aber schon ab 2014, sagt Kuratorin Frédérique Goerig-Hergott. Zu dieser Zeit brach der Künstler mit einer Periode sehr farbiger Gemälde. Er begann, sehr dunkle Bilder zu malen, die den eigenen Körper in Bruchstücke zerlegen.

Bild von Georg Baselitz mit dem Titel "Ach herrje, ma tutto occupato"
Georg Baselitz: Ach herrje, ma tutto occupato

Baselitz‘ neue Facetten

„Abgang“ heißt etwa ein Gemälde, das den unteren Teil seines Körpers wie einen in eine schwarze Fläche geritzten Schatten zeigt, der eine Treppe hinabsteigt. In „Schnell die zehnte Nacht abwärts“ lässt Baselitz seine Umrisse horizontal aus dem düsteren Bild schreiten. – Ungewöhnlich, denn Baselitz‘ Markenzeichen ist, dass er seine Figuren seit Mitte der 70er Jahre verkehrt herum auf dem Kopf stehend darstellt. Davon weicht er in seinen jüngsten Bildern teilweise ab.

Mir scheint, es geht Baselitz in diesen neuen Werken um mehr als die Protokollierung eines körperlichen Zerfallsprozesses. Vielmehr zeugen die Arbeiten von einer Art Selbstbefragung. Baselitz spickt seine Gemälde mit Anspielungen und Bezügen auf berühmte Positionen der Kunstgeschichte. Es geht ihm offenbar auch darum, seine eigene Position in der Kunstgeschichte zu bestimmen.

Der Isenheimer Altar von Matthias Grünewald
Matthias Grünewald: Isenheimer Altar

In der Tradition des Isenheimer Altars

Baselitz selbst sagte, dass er sich durchaus in der Tradition der Altarmalerei Matthias Grünewalds sieht. Dessen Isenheimer Altar von 1516 gehört zur Sammlung des Musée Unterlinden und ist dort zu sehen. Die Altarmalerei Grünewalds ist berühmt für die zu seiner Zeit einzigartig drastische und detailreiche Darstellung des geschundenen Körpers des gekreuzigten Jesus. Und tatsächlich: Auf einigen Gemälden Baselitz‘ leuchten die Körper weiß aus dem Dunkel. Das  erinnert stark an das Altarbild mit den bleichen Gliedern des Gekreuzigten vor dem dunklen Hintergrund. Auch das Leuchten der Körper erinnert an den Lichteinfall auf Grünewalds Gemälden.

Neue Farben

Ab 2015 kommt bei Baselitz eine neue Farbgebung ins Spiel. Das verblüffte mich zunächst einmal: Pastellige Blau- und Rosatöne. Wer hätte das gedacht? Hinzu kommt eine neue Technik: Aufgesprühte Farbschichten lassen die Figuren teilweise wie hinter einem Schleier erscheinen. Das ergibt teilweise eine durchscheinende, sphärische Anmutung. Apropos Schleier: Der Schleier, der Vorhang oder die Verhüllung ist ein immer wiederkehrendes Motiv in der Kunst, auf das Baselitz auch mit dem Titel des Gemäldes „Finestra in Venezia – Cardinale Archinto“ explizit anspielt. Damit stellt er einen Bezug zu Tizian her, ein Zeitgenosse Grünewalds, der den Kardinal Archinto in einem Gemälde halb hinter einem Schleier verschwinden ließ. Das war eine Anspielung auf die missliche Situation des Geistlichen, der wegen politischer Widerstände sein Amt niemals ausüben konnte.

Baselitz zitiert Marcel Duchamp und Otto Dix

Auch Otto Dix zitiert Baselitz mehrfach, indem er sich und seine Frau Elke auf einem Sofa sitzend malt: Ein Hinweis auf Dix‘ berühmtes Bild seiner gealterten, auf einem Sofa sitzenden Eltern von 1924. Besonders intensiv aber setzt Baselitz sich mit dem Motiv des die Treppe herabsteigenden Aktes auseinander, das in der Malerei des 20. Jahrhunderts immer wieder aufgegriffen wurde.

Auslöser dieses Sujets war Marcel Duchamps berühmtes kubistisches Bild „Akt die Treppe herabsteigend“ von 1912. Aus Widerspruch zu Duchamp, der das Ende der der Malerei ausgerufen hatte, griffen Maler das Motiv immer wieder auf, darunter etwa Joan Miró oder Gerhard Richter. Baselitz scheint sich der Untergangs-Botschaft Duchamps auf ironische Weise widersetzen zu wollen: Er stellt seinen Treppen-Akt einfach auf den Kopf. Damit steigen die Figuren de facto die Treppe hinauf, statt hinabzugehen.

Bild von Georg Baselitz mit dem Titel "Ankunft demnächst"
Georg Baselitz: Ankunft demnächst

Das Jenseits: (k)ein Thema

Aus Baselitz‘ Bildern schimmert das Jenseitige durch, finde ich. Auf mich wirken sie wie ein Abschied vom Körper – und auch vom Diesseits. Allerdings kein hoffnungsloser, resignierter Abschied, sondern eher ein sehr kraftvoller und bewusster Übergang. Überhaupt will Baselitz so gar nichts von Untergangsstimmung wissen, auch wenn seine neueren Werke vielfach von Abgang sprechen. Für ihn seien diese Arbeiten eine Auseinandersetzung damit gewesen, nicht die Irrtümer zu begehen, denen viele andere Künstler in ihrem Spätwerk erlegen seien. Er sagte in Colmar:

„Ich wollte ja nicht irgendetwas machen, wo man spürt, der Mann hat keine physischen und geistigen Kräfte mehr.“

(Georg Baselitz)

Und das Jenseits, das ich und auch einige der anwesenden Presse-Kollegen in seinen Bildern durchleuchten sehen – das interessiert Baselitz nach eigenen Worten auch gar nicht. Er glaube einfach nicht daran, sagte er. Und er sei ein sehr diesseitiger Mensch. Kann man ihm das abnehmen, wenn man diese Bilder sieht? Lebensmüde ist der Künstler aber offenbar überhaupt nicht. Aufhören komme nicht in Frage, meint er. Anders als Komponisten hätten Künstler nun einmal keine Interpreten, die ihr Werk wiedergäben. Deshalb stelle er nach wie vor jeden Tag eine Forderung an sich selbst:

“Bitte nicht schwach werden, denn draußen ist die Hölle los. Du musst irgendwas dagegensetzen. Du musst eine Antwort geben.“

(Georg Baselitz)

Übrigens: Ein Besuch im Musée Unterlinden lohnt sich nicht nur wegen Baselitz und dem Isenheimer Altar. Dort ist neben Baselitz sowie Kunst aus dem Mittelalter und der frühen Neuzeit auch eine sehr schöne Sammlung mit Werken der klassischen Moderne zu sehen.

Kreuzgang im Musée Unterlinden in Colmar
Musée Unterlinden, Colmar

Musée Unterlinden, Place Unterlinden, F-68000 Colmar
www.musee-unterlinden.com

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