Gabriele Münter: Mehr als die Frau neben Kandinsky

Gabriele Münter teilt das Schicksal vieler Künstlerinnen: Sie wurde und wird vielfach vor allem als Frau an der Seite ihres berühmten Künstlerkollegen Wassily Kandinsky wahrgenommen. Eine Ausstellung im Museum Ludwig in Köln will das nun gerade rücken. Gezeigt wird auch eine weithin unbekannte Seite der Künstlerin.

 

 

Gabriele Münter (1877-1962) hatte schon als Jugendliche künstlerischen Ehrgeiz. Allerdings war Frauen zu dieser Zeit der Weg in die Kunst-Akademien noch versperrt. Sie nahm Zeichenunterricht, schien aber zunächst nicht überzeugt davon, den Weg als Künstlerin fortsetzen zu können. Nachdem beide Eltern nacheinander verstorben waren, erbte Gabriele Münter ein Vermögen, von dem sie gut leben konnte. Sie nutzte ihre Freiheit zunächst für eine Reise in die USA, zu der sie 1898 gemeinsam mit ihrer Schwester aufbrach. Dort besuchten sie Verwandte.

Münters Bild "Bildnis einer Künstlerin"
Gabriele Münter: Bildnis einer Künstlerin

Münter startete in den USA

Footografien von Gabriele Münters USA-Reise
Gabriele Münter: Fotografien von ihrer USA-Reise

In den USA startet sie dann ihre künstlerische Karriere – obgleich sie nicht malt oder zeichnet. Aber sie fotografiert. Münter nimmt mehr als 400 erstaunlich durchkomponierte Fotografien auf, die bereits wesentliche Motive ihres malerischen Werks vorwegnehmen. Diese Fotografien sind im Museum Ludwig erstmals in größerer Zahl ihren Gemälden gegenüberstellt.

Insgesamt sind in der Ausstellung „Gabriele Münter. Malen ohne Umschweife“ 120 Bilder zu sehen. Darunter sind natürlich auch bekannte Werke aus der Zeit des „Blauen Reiters“, also ihre Porträts, Interieurs und die Landschaftsbilder aus ihrer oberbayrischen Wahlheimat Murnau. In dem Haus, in dem sie zeitweise auch mit Kandinsky lebte, entstand 1911 die Expressionisten-Gruppe „Blauer Reiter“. Münters Haus war ein Treffpunkt der künstlerischen Avantgarde wie etwa Franz Marc oder August Macke. Die Ausstellung zeigt aber, dass Münters Werk weit abwechslungsreicher ist, als die in der „Blaue Reiter“-Periode entstandenen Bilder.

Gabriele Münters Porträt von Marianne von Werefkin
Gabriele Münter: Porträt von Marianne von Werefkin

Nach 50 Jahren aus dem Depot

Neben bekannten Bildern wie etwa dem Porträt ihrer Künstler-Kollegin und Freundin Marianne von Werefkin oder Blicke in die Landschaft rund um ihr Haus in Murnau, bietet die Schau viele Neuentdeckungen.

Gabriele Münter ist eine bekannte Unbekannte.

(Kuratorin Rita Kersting)

Die Kuratorinnen der Ausstellung, Isabelle Jansen und Rita Kersting erklären hier, was das Besondere an der Ausstellung ist:

Rund 50 der gezeigten Werke schlummerten mehr als ein halbes Jahrhundert in den Depots der Gabriele Münter- und Johannes Eichner-Stiftung und sind nun erstmals in einer Ausstellung zu sehen.

Gabriele Münters Bild "In der Erdbeerzeit"
Gabriele Münter: In der Erdbeerzeit

 

 

Da ist etwa das expressive Gemälde „In der Erdbeerzeit“: Zwei Frauen in leuchtend blauen Kleidern und ein Mädchen sitzen unter einem gelben Himmel an einem Tisch und essen die roten Früchte.

 

 

 

 

Ein primitivistisches Stillleben von Gabriele Münter
Ein primitivistisches Stillleben von Gabriele Münter

 

Weniger bekannt sind auch die „primitivistischen“ Bilder Münters. Auf der Suche nach den Wurzeln der Kreativität hatte sie bereits in der Zeit des Zusammenlebens mit Kandinsky Volkskunst wie Madonnen, Holzschnitzereien oder Keramik gesammelt. Für ihre Stillleben arrangierte sie diese Objekte.

 

 

Aber auch viel später entstehen noch an die Volkskunst angelehnte Werke wie etwa „Der blaue Dämon“ (1931), ein blauer Torso, der an eine asiatische Skulptur erinnert.

Das Bild "Blauer Dämon" von Gabriele Münter
Gabriele Münters „Blauer Dämon“

Im Schatten Kandinskys

Wie viele Künstlerinnen wurde Münters Werk lange Zeit vorwiegend anhand ihrer Lebensumstände interpretiert. Vor allem stand sie über ihren Tod hinaus im Schatten Wassily Kandinskys, der zunächst ihr Lehrer und von 1903 bis 1914 ihr Lebensgefährte war. Kandinsky selbst betonte Münters künstlerische Eigenständigkeit, indem er ihr bescheinigte, dass er ihr nichts mehr beibringen könne. „Du hast alles von Natur.“

Dennoch blieb die Verbindung zu Kandinsky und dem „Blauen Reiter“ an Münter haften und überdeckte ihr vielfältiges künstlerisches Schaffen. Durch die Kölner Ausstellung, die übrigens zuvor schon im Münchner Lenbachhaus zu sehen war, könnte sich das ändern. Es gab zumindest in den letzten Jahren verstärktes Interesse von Museen an Münter. So erwarb das Centre Pompidou in Paris 2015 ein Werk Münters, um eine Lücke in seiner Sammlung zu schließen.

Und auch das Museum Ludwig hofft, seinen Bestand an expressionistischen Werken bald durch ein Gemälde Münters ergänzen zu können. Geplant ist der Kauf des Gemäldes „Knabenkopf (Willi Blab)“ von 1908, das ebenfalls in der Ausstellung zu sehen ist. Das 500.000 Euro teure Bild soll mit Hilfe des Vereins der Freunde des Wallraf-Richartz-Museums und des Museums Ludwig sowie Spenden erworben werden. Noch fehlt Geld…

www.museum-ludwig.de

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