Kirchner: Leben nach dem Expressionismus

Kirchners Gemälde "Großes Liebespaa (Ehepaar Hembus) von 1930

Expressionistische Maler werden in deutschen Museen gerne ausgestellt und sind meist auch Publikums-Magneten. Wir glauben, sie gut zu kennen. Doch offenbar haben wir da eine etwas verkürzte Sicht der Dinge. Vor Kurzem berichtete ich ja schon über die Ausstellung im Museum Ludwig, die einen neuen Blick auf Gabriele Münter warf. Nun ist in der Bundeskunsthalle in Bonn eine Kirchner-Retrospektive zu sehen, die zeigt, dass auch dieser Maler einen Weg jenseits des Expressionismus suchte. 

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) ist einer der bekanntesten Expressionisten. Seine Werke sind in vielen Museums-Sammlungen präsent und es herrscht auch wahrlich kein Mangel an Sonderausstellungen zu Kirchner. So etwa 2010 im Frankfurter Städel, 2014 in der Münchner Pinakothek der Moderne oder 2017 im Kunsthaus Zürich. Dennoch lohnt sich ein Besuch der Retrospektive „Ernst Ludwig Kirchner. Erträumte Reisen“ in der Bundeskunsthalle. Denn sie konzentriert sich auf die letzten 20 unbekannteren Jahre seines Schaffens.

Kirchners unbekannte Jahre

Kirchners Bild "Zwei Akte an einem Baum" von 1913
Zwei Akte an einem Baum (1913)

So kennt man Kirchner: Badende in einer arkadischen Landschaft oder Straßenszenen, in denen das Leben der Großstadt pulsiert: Straßenbahnen rasen gefährlich aufeinander zu, scheinbar kippende Häuserfronten überragen die Passanten und Frauen mit spitzen Gesichtern und wippenden Federhüten rauschen vorbei. Dass der Künstler in seinen letzten 20 Jahren einen Weg jenseits des Expressionismus suchte und sich quasi neu erfand, wurde bislang wenig beachtet. Die Bundeskunsthalle zeigt bis zum 3. März rund 180 Gemälde, Zeichnungen, Holzschnitte, Skulpturen und Fotografien Kirchners, die vor allem das nach 1918 entstandene Werk präsentieren.

In Bonn verzichteten die Kuratoren auf die bekannten Berliner Straßenszenen und räumten stattdessen dem Spätwerk mehr Platz ein. Zu sehen sind viele Bilder aus den letzten Lebensjahren des Künstlers, die er in der Schweiz verbrachte.

Kirchners Davoser Werk steht im Schatten der vorhergehenden Werkphasen.

(Thorsten Sadowsky , Direktor des Kirchner Museum Davos und Kurator der Bonner Kirchner-Ausstellung)

Jenseits des Expressionismus

In der Schweizer Bergwelt, wo sich Kirchner ab 1918 permanent niederlässt, entwickelt er einen „Neuen Stil“.

Kirchners Gemälde "Sertigtal im Herbst" von 1925/26
Sertigtal im Herbst (1925/26)

Er verfolgt die Idee einer allgemeinverständlichen und sinnbildlichen Kunst. Seine Malweise wird flächiger und plakativer. Die zackigen Pinselstriche seiner berühmten Berliner Straßenszenen weichen nach und nach runderen Formen. In den 30er Jahren gelangt er zu einer  piktogrammhaft vereinfachten Darstellung menschlicher Körper, die an Picasso erinnert.

Kirchners Gemälde "Akrobatenpaar - Plastik" von 1932
Akrobatenpaar – Plastik (1932)

Ein herausragendes Sujet aus dieser Zeit ist etwa das Akrobatenpaar, das aufeinander stehend und sich festhaltend eine einheitliche Figur bildet.

Kirchners Skulptur Akrobatenpaar von 1932/32
Akrobatenpaar (1932/33)

Dieses Motiv setzte Kirchner 1932 sowohl als Skulptur als auch als Gemälde in Pink, Schwarz, Rot und Blau um. Regelrecht poppig und fast schon wie ein Vorgriff auf die Ästhetik der Flower-Power-Generation wirken auch seine tanzenden „Mädchen in farbigen Strahlen (recto)“ (1932-1937).

Die Ausstellung eröffnet auch eine neue Perspektive auf die Rolle ethnografischer Motive in Kirchners Werk. – Ein durchaus kritischer Aspekt seines Schaffens. Kirchner sieht die Völkerschauen in Dresden, die, wie der Ausstellungstext betont, aus heutiger Sicht menschenverachtend waren. Hier glaubten die westlichen Betrachter einen unverfälschten Blick auf die sogenannten Naturvölker zu erhalten. Der Künstler besuchte auch nachweislich mehrfach das Völkerkundemuseum Dresden und ließ sich von den afrikanischen Objekten inspirieren. An dieser Stelle wird deutlich, dass Kirchner lediglich unter ästhetischen Gesichtspunkten an außereuropäischen Kulturen, nicht aber an einem tieferen Verständnis interessiert war.

Einfluss afrikanischer Kunst

Dennoch hatte afrikanische Kunst einen nachhaltigen Einfluss auf Kirchners Schaffen. Das dokumentiert die Ausstellung eindrucksvoll durch Leihgaben aus dem Völkerkundemuseum Dresden, die seinen Zeichnungen und Skizzen gegenübergestellt werden. Ein Beispiel für die Inspiration durch afrikanische Skulpturen ist das Bett, das Kirchner für seine Frau Erna schnitzte und das in der Ausstellung zu sehen ist.

Von Kirchner geschnitztes Bett mit afrikanischen Motiven für seine Frau Erna von 1919
Bett für Erna Kirchner (1919)

Die Auseinandersetzung mit dem Fremden eröffnete Kirchner die Möglichkeit, das Imaginäre als künstlerisches Mittel zu verfolgen. So greift er selbst nach Jahren in den Schweizer Bergen noch auf exotische Motive zurück. Während viele seiner Künstlerkollegen zu den Herkunftsorten der exotischen Kunstgegenstände reisten, kam Kirchner jedoch nie über Deutschland und die Schweiz hinaus. Es blieb bei erträumten Reisen.

Hinterlasse einen Kommentar.

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: