Marina Abramović: Performance extrem

Fotodokumentation Marina Abramovic "Rhythm 10"

An Marina Abramović scheiden sich die Geister. Während manche Menschen die Aktionen der Künstlerin abschreckend finden, sind andere fasziniert. Zu welcher Gruppe gehört Ihr? In der Retrospektive „Marina Abramović. The Cleaner“ in der Bundeskunsthalle in Bonn könnt Ihr derzeit testen, wie Ihr zur „Mutter der Performance“ steht.

Ja, auch ich habe mich zunächst gefragt: Muss das wirklich sein? Ich meine damit Aktionen wie: Nackt auf Eisblöcken liegen, die Haut mit Rasierklingen aufritzen, oder Schreien bis die Stimme versagt. Es ist nichts für schwache Nerven, wie Marina Abramović vor allem als junge Künstlerin in den 70er Jahren ihren Körper als Ausdrucksmittel einsetzte. Und da stellt sich natürlich die Frage: Hat diese Quälerei einen Sinn? Ja, hat sie. Ich oute mich gleich zu Beginn als Mitglied der Gruppe derjenigen, die von Marina Abramović fasziniert sind. Und warum? Weil sich in ihrem Werk eine bewundernswerte Konsequenz auf der Suche nach Unmittelbarkeit und Wahrheit ausdrückt. Die Ausstellung in der Bundeskunsthalle bietet eine einmalige Gelegenheit, dies zu erfahren. Denn es sind dort Re-Performances zu sehen und auch Aktionen mit Besucherbeteiligung. Präsentiert wird in Bonn bis zum 12. August eine Retrospektive mit 120 Werken aus 50 Jahren. Doch der Reihe nach…

Performance mit Messer

„Tak-tak-tak“. Ein rhythmisches Hacken empfängt den Besucher. Es ist der Originalton von Abramovićs Performance „Rhythm 10“, mit dem sie 1973 erstmals an die Öffentlichkeit tritt: Mit einem Messer sticht sie so schnell wie möglich in die Zwischenräume ihrer gespreizten Finger. Natürlich fließt dabei auch Blut. Und es bleibt nicht bei diesem einen Mal. Marina Abramović – 1946 in Belgrad geboren – studierte ab 1965 an Kunstakademien in ihrer Heimatstadt und in Zagreb. Schon früh begann sie damit, ihren Körper als Ausdrucksmittel einzusetzen. Eine weitere Komponente ihres Schaffens ist schon in den frühen Werken sichtbar: Sie bricht die Grenze zwischen Betrachter und Werk auf, indem sie ihr Publikum zum konstituierenden Faktor macht.

Abramovićs radikale Anfänge

Abramović tut dies auf eine extrem provokante und schonungslose Art und Weise. 1974 führt sie in einer Galerie in Neapel „Rhythm 0“ auf: Sie stellt vor sich einen Tisch mit 72 Objekten auf, die die Besucher an ihr ausprobieren dürfen, darunter Rasierklingen, Nägel, Messer und ein Revolver. Der Tisch mit den Original-Gegenständen ist in der Bundeskunsthalle rekonstruiert. Darüber ist eine Videoaufnahme der Performance zu sehen. Besucher entblößen den Oberkörper der Künstlerin. Sie wird sogar angeritzt und schließlich drückt ihr jemand den Revolver so in die Hand, dass er auf ihre Brust zielt. Oft wurde geschrieben, die Waffe sei geladen gewesen. „Der Revolver war nicht geladen“, klärte Abramović jetzt in Bonn auf. Wirklich beruhigend ist das nicht. Denn: „Die Munition lag daneben“, fügt sie gleich hinzu. Ebenso radikal wirkt die Performance „Lips of Thomas“ (1975), bei der sich Abramović unter anderem ein Pentagramm in den Bauch ritzt und sich nackt auf ein Kreuz aus Eisblöcken legt. Das ist in der Ausstellung ebenso zu sehen.

Requisiten der Performance "Lips of Thomas" von Marina Abramović
Marina Abramović: Lips of Thomas

Künstlerin mit Grenzerfahrung

Es ist die Konzentration auf den Moment, auf das reine Bewusstsein, die Abramović mit ihren Performances erzeugt. Diese Verschmelzung zwischen künstlerischen Mitteln und der reinen Erfahrung verfolgt sie seit Beginn ihrer Karriere mit äußerster Konsequenz. Das wurde mir klar, je tiefer ich in die Ausstellung und in das Abramović-Universum eindrang. Natürlich schwingt bei den Performaces aus den 70er Jahren auch sehr viel Provokation mit. Aber die Verletzungen des Körpers haben nichts mit plumper Effekt-Hascherei zu tun, wie ich zunächst argwöhnte. Schmerz ist für Marina Abramović ein Mittel, in einen Zustand der reinen Erfahrung vorzudringen. Sie nennt das auch „Transformation“. Die setze ein an dem Punkt, an dem der Schmerz unerträglich werde, sagt sie.

„Das ist genau der Moment, in dem der Schmerz vergangen ist und sich alles ändert. Schmerz ist der Schlüssel zu Geheimnissen.“

Dazu muss man wissen, dass Abramović sich intensiv mit schamanischen Traditionen und Meditationstechniken beschäftigte. Zugegeben, Schmerz als Mittel der Kunst – das ist nicht jedermanns Sache. Diese extrem provokative Art der Performance ist aber natürlich auch vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Umbrüche in den 70er Jahren zu betrachten, als ja allgemein der Bruch mit Traditionen und das Streben nach Bewusstseinserweiterung große Themen waren.

Abramović und Ulay

Abramovićs spätere Arbeiten sind friedvoller. Aber dazu komme ich noch. Zunächst bietet die Ausstellung noch einen Überblick über das gemeinsame Werk von Abramović und Ulay. Den deutschen Künstler, dessen Geburtsnahme Frank Uwe Laysiepen lautet, lernt Abramović 1975 in Amsterdam kennen. Die beiden werden ein Paar und arbeiten zwölf Jahre lang zusammen. Es entstehen legendäre Performances wie diese Arbeit „Light/Dark“, für die sie sich 20 Minuten lang ohrfeigen.

Oder etwa „Imponderabilia“ (1977), bei sich beide nackt im schmalen Eingang einer Galerie in Bologna gegenüberstanden, so dass die Besucher sich seitlich zwischen ihnen durchquetschen mussten. Damals war das Künstlerpaar noch nicht sehr bekannt und musste teilweise darum bangen, überhaupt bezahlt zu werden. Das erzählte Ulay, den Abramović bei der Presse-Vorstellung der Bonner Ausstellung überraschend auf die Bühne holte. Dort erzählte er dann , wie er seinerzeit den Galeristen dazu brachte, ihm das Honorar für „Imponderabilia“ auszuhändigen.

Rechtsstreit zweier Künstler

Dass Ulay nun zusammen mit Abramović auf der Bühne steht und Anekdoten erzählt, ist keine Selbstverständlichkeit. Der symbiotischen Beziehung der beiden Künstler folgte nämlich 1988 eine spektakuläre Trennung. 90 Tage gingen sie aus entgegengesetzten Richtungen über die chinesische Mauer aufeinander zu, um ihre Beziehung dann zu beenden. Später folgte ein Rechtsstreit. Ulay warf Abramović vor, ihn nicht vertragsgemäß an den Einnahmen des gemeinsamen Werks beteiligt zu haben. Erst im vergangenen Jahr versöhnte sich das ehemalige Paar. „Jetzt ist da nur noch Liebe“, verkündete Abramović in Bonn. Die beiden liefen sogar Hand in Hand durch die Ausstellung. „Imponderabilia“, die Performance aus Bologna, ist übrigens in der Ausstellung als Re-Performance zu erleben.

The Artist is Present

In ihrem späteren Schaffen entwickelte Abramović, die mittlerweile in New York lebt, die radikale Öffnung ihres Werks weiter fort. Als Schlüsselwerk in diesem Prozess sieht sie selbst ihre Aktion „The Artist is Present“ 2010 im New Yorker Museum of Modern Art. Zweieinhalb Monate lang saß die Künstlerin täglich acht Stunden stumm und bewegungslos auf einem Stuhl. Besucher waren dazu eingeladen, ihr gegenüber Platz zu nehmen und ihr in die Augen zu blicken. Tatsächlich standen die Leute Schlange! Die bewegten Gesichter der Teilnehmer sind als Videoprojektion am Eingang der Ausstellung zu sehen. Da seien Dinge passiert, die nicht zu erklären waren, sagt Abramović. Tatsächlich ist es erstaunlich, welch intensive Gefühlsregungen sich in den Gesichtern der Teilnehmer spiegeln. Manchen laufen Tränen über die Wangen. Für Abramović war diese Performance ein weiterer Schritt auf dem Weg, die Schranken zwischen Kunstwerk und Betrachter aufzulösen.

Marina Abramović: 512 Hours

Das Publikum als Werk

Es folgten Performances, in denen sie sich als Künstlerin fast komplett zurückzog und das Publikum zum Akteur macht. So etwa bei der Performance „Hours“ (2014), bei der die Besucher in einem leeren Raum aufgefordert werden, still bestimmte einfache Übungen oder Aufgaben zu verrichten. Das Ziel: Die Empfindsamkeit schärfen und die eigene Präsenz im Raum wahrnehmen. Abramović erklärt: „Neuerdings sage ich, das Publikum ist mein Werk.“ In ihren jüngeren Werken geht es Abramović zunehmend darum, Energien zwischen Menschen spürbar zu machen und das Verbindende zu betonen. Möglicherweise ist dies auch Ausdruck ihrer zahlreichen Meditationserfahrungen in Asien.

Mein Video zu „512 Hours“ findet Ihr auf Instagram.

Abramovićs ungewöhnliche Biografie

Wer sich nun fragt, wie diese außergewöhnliche Radikalität bei Abramović entstanden ist, der muss nicht lange suchen. Die Künstlerin selbst gibt darüber, unter anderem in ihrer Autobiografie, offen Auskunft. Abramivićs Eltern waren ehemalige Partisanen und später Funktionäre unter dem jugoslawischen Diktator Tito. Abramović wird mit militärischem Drill erzogen. „So etwas wie Liebe gab es nicht,“ erinnert sie sich. Allerdings: Die Eltern fördern schon früh ihr künstlerisches Talent. Was daraus geworden ist: Es lohnt sich, das in der Bundeskunsthalle anzusehen.

2 Kommentare

  1. Ja, Claudia Rometsch hat recht: die Geister scheiden sich an der geballten Brutalität, die in den meisten Arbeiten von Marina Abramovic, gegenwärtig wird. Einerseits extreme Effekte, die Abramovic vielleicht nicht ausschließlich intendiert – die aber sozusagen als Begleiterscheinung der Selbstentblößungen und Selbstbeschädigungen, der asketisch-autodestruktiven Übungen in Selbstdisziplin nur allzugerne in Kauf genommen werden. Andererseits eine Frau auf der Suche nach der Liebe und Fürsorge, die sie als Kind nie erfahren hat – und die offenbar unweigerlich auch in ihren Liebesbeziehungen immer wieder enttäuscht wird. Und aus all dem macht sie in Interviews oder auch in ihrer sehr unterhaltsamen Autobiografie auch kein Geheimnis. Faszinierend ist auch die nach wie vor spürbare Spannung zwischen ihr und Ulay, der von sich selbst behauptet, dass er der wahre Künstler und Abramovic nur die bessere Marketing-Expertin sei …

  2. Ich finde zwar Abramovics Arbeiten etwas ‚old-fashioned‘, aber: ihre Bedeutung für die Performance-Kunst kann niemand bestreiten – von daher eine Super-Ausstellung in Bonn zu einer der ganzen grossen Persönlichkeiten der Kunst des 20. Jahrhunderts.
    Die sehr einfühlsame Einführung hier gibt einen perfekten Überblick: über die Ausstellungsobjekte, den Zeitkontext und die Ästhetik – danke dafür!

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