Ulla von Brandenburg: Hinter dem Vorhang ist vor dem Vorhang

Ulla von Brandenburg vor ihren Quilts
Ulla von Brandenburg

 

In meinem vorigen Beitrag habe ich darüber geschrieben, wie Gabriele Münter bis heute oftmals die Anerkennung als eigenständige Künstlerin versagt bleibt. Aber wie sieht es mit aktuellen Künstlerinnen aus? Auch heute noch sind viel mehr männliche Künstler erfolgreich. Und das kann nicht an mangelnder künstlerischer Begabung der Frauen liegen. Deshalb möchte ich hier eine Künstlerin mit einer kleinen, aber feinen Ausstellung im Kunstmuseum Bonn vorstellen. Es ist die erste Ausstellung Ulla von Brandenburgs in einem deutschen Museum.

 

 

Ulla von Brandenburg hat im Kunstmuseum Bonn drei Räume mit ihren Installationen gestaltet. Außerdem sind einige Filme der 1974 geborenen Künstlerin zu sehen. Beim Thema „Installation“ werden einige Leser sicher schon abwinken. Zugegeben: Zeitgenössische Kunst erschließt sich oft nicht so leicht. Ich versuche mal zu erklären, warum mir die Installationen von Ulla von Brandenburg gefallen haben:

In guter Gesellschaft mit Tizian und Gerhard Richter

Kurz gesagt: Mich hat das Spiel von Realität und Illusion in den Arbeiten fasziniert. Das Verdecken und Enthüllen, die Erwartung und die Ent-Täuschung – das sind Themen, die mich schon immer in der Kunst interessiert haben. Ein Motiv, das damit eng verbunden ist, ist der Vorhang. Seit der Renaissance taucht es bei Malern wie Tizian (etwa sein „Bildnis des Filippo Archinto“) oder Tintoretto auf. Und auch heute spielen Künstler wie Cindy Sherman oder auch Gerhard Richter mit diesem Sujet. Ulla von Brandenburg hat ihre ganz eigenen Spielarten entwickelt. Programmatisch scheint mir einer ihrer Filme zu sein, die man in dem kleinen Auditorium vor dem Ausstellungsbereich anschauen kann: Dort wird ein Vorhang nach dem anderen beiseite geschoben. Aber die Erwartung, dass sich dahinter etwas enthüllt, wird getäuscht.

Quilts mit versteckter Botschaft

Wagon Wheel

Der erste Ausstellungsraum konfrontiert den Besucher dann sozusagen mit echten Vorhängen. Eigentlich sind es farbenfrohe Quilts, die wie Vorhänge von der Decke hängen. Zunächst einmal führt der Blick hinter diese Stoffbahnen nirgendwohin, außer vielleicht zum nächsten Quilt. Aber bei Ulla von Brandenburg liegt die Bedeutung nicht hinter dem Vorhang, sondern ist in den Stoff selbst eingeschrieben. Für die Quilts verwendete die Künstlerin Stoff aus getragenen Kleidungsstücken. Stoff sei eines der Materialien, das am besten Informationen speichern könne, sagt sie.

„Die Quilts haben versteckte Messages.“

(Ulla von Brandenburg)

Von Brandenburg bediente sich bei ihren Entwürfen traditioneller Muster der amerikanischen Quäker. Diese nutzten die Patchwork-Decken, um heimliche Botschaften zu transportieren. Die Quäker organisierten die Flucht von Sklaven aus den USA in die Freiheit nach Kanada von Station zu Station. Das Quilt-Motiv „Wagon Wheel“ etwa, habe bedeutet, dass die nächste Flucht-Etappe mit dem Wagen stattfinden sollte, sagt von Brandenburg.

 

Ulla von Brandenburgs Installation Sweat Feast
Sweat Feast

 

Guckloch in die Londoner Whitechapel Gallery

Auch die Installation „Sweat Feast“ spielt mit dem Motiv des Vorhangs. Sie besteht aus sechs hintereinander angeordneten farbigen Stoffwänden mit kreisförmigen Öffnungen. Durch das meterhohe Loch in den Wänden ist eine Filmprojektion zu sehen. Der Besucher kann die Installation bis zur letzten Schicht hindurch betreten und befindet sich zugleich zwischen Stoff und Film sowie Realität und Illusion. Denn die im Film dargestellten Szenen beruhen auf einer wahren Begebenheit.

Die Künstlerin stellte für den Film eine Geschichte nach, die sich 1973 in der Londoner Whitechapel Gallery zutrug. Hier fand in diesem Jahr eine Ausstellung anlässlich des Beitritts Großbritanniens zur Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft statt. Dort präsentierte sich jedes Land des europäischen Wirtschaftsraums mit landestypischen Süßigkeiten.

Am Ende der Ausstellung wurden Kinder aus dem sozial schwachen Stadtteil Tower Hamlets eingeladen, in der Ausstellung bereitgestellte Süßigkeiten zu essen. Allerdings missachteten die Kinder die Regeln und stürzten sich auch auf die Süßigkeiten, die nicht zum Verzehr bestimmt waren und an die Hersteller zurückgehen sollten. Von Brandenburg drehte die Begebenheit mit einer Schulklasse nach. Die in diesem Jahr entstandene Arbeit ist auch eine deutliche Anspielung auf die Situation Großbritanniens zu Zeiten des Brexit.

Ulla von Brandenburgs Installation "It has a golden sun and an elderly grey moon"
It has a golden sun and an elderly grey moon

Film und Wahrheit

In ihrer Installation „It has a golden sun and an elderly grey moon“ erweitert von Brandenburg die Funktion des Stoffes. Die Arbeit besteht aus einem pyramidenförmigen Holzpodest mit unterschiedlich hohen Stufen. An der Wand dahinter ist eine Filmprojektion zu sehen. Hier erklimmen Tänzer ebenfalls eine weiße Stufenpyramide in einer Choreografie, die von Trommel-Rhythmen begleitet wird. In der Folge spielen die Tänzer verschiedene Situationen mit bunten Filzdecken durch. Der Stoff dient als Vorhang, als Decke oder als Transportmittel. Zudem setzen sie die bunten Stoffe gleichsam als malerisches Mittel ein, indem sie sie über die Holzkonstruktion drapieren.

Auch hier verwischt von Brandenburg Gegenwart und Illusion. Der Besucher, der die Holzpyramide in der Ausstellung erklimmt, sieht sich in einer ähnlichen Situation wie die Tänzer im Film. Die bunten Decken aus dem Film liegen nun zu Füßen des Podests. Es lohnt sich, einfach mal die Erfahrung zu machen, über das Podest zu klettern. Allerdings mit Vorsicht. Denn die weißen, unterschiedlich hohen Stufen können ganz schön irritieren.

Verbinden kann man die Stippvisite in dieser kleinen Schau übrigens auch mit einem Besuch in der Ausstellung „Der Flaneur“, die derzeit auch im Kunstmuseum zu sehen ist. Dort gibt es zahlreiche Highlights aus dem Bereich der Klassischen Moderne.

 

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