Joana Vasconcelos: Kunst aus dem Küchenschrank

Joana Vasconcelos Skulptur einer Teekanne

Die Zutaten für ihre Kunst scheint Joana Vasconcelos in ihrem Küchenschrank zu finden. Ihre bezaubernden großformatigen Skulpturen entstehen zum Beispiel aus Kochtöpfen oder Plastikbesteck. International ist die Portugiesin damit bereits ziemlich erfolgreich. Nur in Deutschland hatte sie noch keine Einzelausstellung. Bis jetzt…

 

Denn nun sind ihre Skulpturen im Max Ernst Museum in Brühl zu sehen. Titel: „Joana Vasconcelos – MAXIMAL“. „Ich lade die Menschen ein, einen Blick in mein persönliches künstlerisches Haus zu werfen, an meiner Imagination teilzuhaben“, sagte die 1971 geborene Portugiesin zur Eröffnung. Und es ist tatsächlich so, als wäre Vasconcelos mal eben durch ihr Haus gebraust, hätte in Schubladen gewühlt und dort ihr Material gefunden: Neben Töpfen und Plastikbesteck verwendet sie zum Beispiel Wolle, Lockenwickler, Kabelbinder oder Papierblumen.

Vom Kochtopf zum High Heel

Doch von vorne: Eine der bekanntesten Skulpturen Vasconcelos‘ ist ein drei Meter hoher High Heel aus zusammengeschweißten Kochtöpfen – zu sehen im oberen Stockwerk des Museums. Mit dem hatte sie schon im Schloss Versailles für Aufsehen gesorgt, wo sie 2012 als erste Künstlerin eine Einzelausstellung bekommen hatte.

 

Joana Vasconcelos Skulptur "High Heel"
Joana Vasconcelos: High Heel

„So etwas kann nur eine Frau.“

…sagt Joana Vasconcelos. Es ist kein Zufall, dass sie für ihre Skulpturen Materialien aus dem typisch weiblichen Lebensbereich verwendet: Stoffe, Wolle, Küchengerät oder auch Lockenwickler und Wäscheständer. Sie sagte mir in Brühl, dass sie sich selbst als feministische Künstlerin betrachtet.

„Ich zeige mit meiner Arbeit, dass Wolle und Stoff gleichwertig mit Bronze sind.“

Sie nimmt diese Gegenstände, die Frauen traditionell im verborgenen häuslichen Umfeld verwenden, und macht daraus monumentale Ausstellungsstücke.  „Unter Bildhauern stellt man sich normalerweise große Kerle vor, die Marmor und Bronze bearbeiten“, sagte sie mir. Vasconcelos zeigt, dass man auch ohne körperliche Kraftakte und Stein oder Metall monumentale Kunst schaffen kann.

Ein Herz aus Gabeln und Löffeln

Eine ihrer schönsten Arbeiten, die meterhohe Installation „Rotes unabhängiges Herz“, besteht zum Beispiel aus mehr als 40.000 Plastikgabeln- und löffeln, die zu filigranen Mustern gebogen und geklebt sind. Das rote Herz dreht sich in einem dunklen Raum zum dramatischen Gesang einer Fado-Sängerin.

 

Vasconcelos zeigt in Brühl auch eines ihrer voluminösen Stoffwesen, mit denen sie international bekannt wurde. Die meterlange knubbelige Strickwurst aus bunter Wolle ist mit Gurten an der Wand festgezurrt. Die Künstlerin dazu:

„So fühlt man sich, wenn man von der Gesellschaft eingeschnürt wird.“

 

Joana Vasconcelos Pantelmina # 3
Joana Vasconcelos: Pantelmina # 3

 

Was tun Frauen heute alles, um gut auszusehen? Und wie beeinflussen technische Möglichkeiten Schönheitsideale? Auch das sind Fragen, mit denen sich Vasconcelos beschäftigt. Einen runden Spiegel umrahmte sie mit modernen und alten Föns. Der Betrachter kann auf ein Podest treten, um in den Spiegel zu schauen. Gleichzeitig fangen dann die Haartrockner an zu pusten. Daneben steht ein Tisch aus dem silbernen Blech alter Satellitenschüsseln, auf dem mit Haar umwickelte Lockenwickler drapiert sind. Vasconcelos:

„Die Arbeiten zeigen, wie die Technologie unser Verständnis von Schönheit idealisiert.“

Vasconcelos verwendet vielfach alte Handarbeitstechniken. So zeigt sie etwa mit Häkelspitze umhüllte Waschbecken. Die ästhetische Oberfläche sollte aber nicht über den kritischen Hintergrund hinwegtäuschen.

„Die umhäkelten Waschbecken sind meine Art, darauf hinzuweisen, dass es sehr luxuriös ist, fließendes Wasser im Haus zu haben.“

Joana Vasconcelos: Umhäkelte Waschbecken
Joana Vasconcelos: Umhäkelte Waschbecken

 

Zu Gast beim Surrealisten Max Ernst

Vasconcelos würdigt in ihrer Ausstellung auch bewusst den Hauspatron des Museums. Mit einer Installation aus einem gekachelten Rahmen, gestrickten Herzen und Tentakeln hüllt sie eine Skulptur Max Ernsts ein. Für sie sei die Ausstellung im Max Ernst Museum etwas ganz Besonderes. Sie bekennt:

„Es ist ein magischer Moment.“

Denn schon als Jugendliche sei sie von Max Ernst beeindruckt gewesen. Nach dem Abitur habe sie dann eine Ausstellung des Surrealisten in Paris besucht, die für sie ein besonderes Erlebnis gewesen sei.

 

Skulptur aus Keramik und Wolltentakeln
Keramik und Wolltentakel

Ähnlich wie Max Ernst verfolgt Vasconcelos mit ihren Werken Strategien der Verfremdung von Gegenständen. Für die Portugiesin ist die Ausstellung in Brühl daher eine Art Heimspiel: „Ich hätte mir vor 30 Jahren nie träumen lassen, dass ich einmal in Dialog mit Max Ernsts Arbeiten treten kann.“

 

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